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Tun Sie mal wieder was „außer der Reihe“

Tun Sie mal wieder was „außer der Reihe“

Nackter Wahnsinn. Ein Pfarrer, der sich für aidskranke Kinder in Kapstadt einsetzt. Eine Charity-Veranstaltung, ein Vortrag? „Warum sollte mich das interessieren?“, die Frage stellte ich mir kurz und antworte auf die E-Mail von Alexandra Kloft mit einem knappen „habe genug eigene Probleme. Und: kenne niemanden der spenden möchte.“

Ganz ehrlich: ich kann mich kaum noch an die Zeiten erinnern, als jemand zu meinen Plänen sagte: „Bist Du verrückt?“ Außer vielleicht als ich meinen festen Job kündigte, um mein eigenes Ding zu machen. Aber Fitnessfachwirtin und Initiatorin des Treffens, Alexandra, hakte zum Glück nach und überzeugte mich, diesen „wahnsinnigen“ Pfarrer aus Kapstadt zu treffen, der sein eigenes Ding machte.                                                                                                   Und warum nun nackt? Ich recherchierte und fand heraus, dass Pfarrer Hippler mit nichts, außer einer gehörigen Portion Mut angefangen hatte, gegen Armut und AIDS zu kämpfen. Meine Neugier war geweckt. Ein zwangloser Abend, im kleinen Kreis mit Pfarrer Hippler, dem Mann aus dem Township, aus einer anderen Welt.

Angstfrei gegen Aids – warum der Pfarrer die Sympathie vom Gangsterboss braucht

Der 59-jährige, der sich beim Gastgeber auf der Couch niedergelassen hatte, wirkte auf den ersten Blick wie ein erfolgreicher Geschäftsmann, ein Kosmopolit, nicht wie ein katholischer Pfarrer aus dem Bistum Trier. Von drahtiger Statur, mit wachen, hellblauen Augen und rheinländischen Akzent stand er mitten im Leben. Was für ein Leben – das nötigte allen Gästen diesem Abend höllischen Respekt ab. Pfarrer Hippler, gebürtiger Bitburger, fühlt sich wohl in Kapstadt und hatte dort mit seiner 2001 gegründeten Stiftung HOPE ein Projekt begonnen, das er als „The Whole Child Revolution“ bezeichnet. Er selbst lebt in einem Stadtteil Kapstadts, in dem Menschen unterschiedlichster Nationen und Religionen friedlich zusammenleben.

An seinem Arbeitsplatz, dem Township Blikkiesdorp, ist das nicht der Fall. Armut, Kriminalität, mangelnde Bildung und Aids machen aus diesem Wohnort ein Pulverfaß, wußte Stefan Hippler zu berichten. Er selbst ging als Pfarrer als „soft target“ durch und das nur, wenn er das Township tagsüber besuchte, wenn die Leute nicht betrunken waren oder Bandenmitglieder sich bekriegten. „Die Sympathie des Gangsterboss zu haben war schon die halbe Miete“, wußte Stefan Hippler auf die Frage, ob er Angst um sein eigenes Leben hatte, zu beantworten.

2001 gründete der Pfarrer die HOPE-Stiftung in Kapstadt. Er konnte es nicht länger ertragen Dinge zu sehen und nicht handeln zu können. Von Regierungsseite wurde weggeschaut, Aids war eine Krankheit der Armen, Medikamente aus dem Ausland nicht zugelassen. Tatsache ist, dass in Südafrika 58 Mio. Menschen leben, davon 39 Mio. in Armut und 7,5 Mio. mit Aids. Pfarrer Hippler wollte nicht länger wegschauen, er konfrontierte die Regierung mit Tatsachen, betrieb Aufklärung, erfand die Gesundheitsarbeiter und begann, auf den Grundsätzen der Menschenrechte für die Gesunderhaltung der armen Bevölkerung einzutreten. Seit fast 20 Jahren ist seine Stiftung HOPE Vorreiter, Bindeglied und wissenschaftlicher Partner in den Bereichen Bildung, Gesundheitswesen und Gemeindeentwicklung. Wo die Regierung Verantwortung übernahm, nahm sich die HOPE-Stiftung zurück, um neue Aufgaben zu übernehmen für das Gelingen des Projektes. Hipplers Ansatz „The Whole Child Revolution“ stärkt die Schwächsten der Zivilgesellschaft: die Kinder und Familien, die von HIV, sozialen Herausforderungen und den damit verbundenen schwierigen Lebensumständen betroffen sind. Mit dem Ziel, dass diese Kinder und Familien ihr volles Potential erreichen. Die HOPE-Stiftung behandelte, als Bindeglied zwischen Township und Krankenhaus, mit 38 Mitarbeitern bis zu 161.000 Patienten im Jahr. Die Zahl der mit HIV infizierten Babys konnte von 33% auf 1 % gesenkt werden. Junge Mütter lernen heute wie entscheidend die ersten 1000 Tage für das Leben ihrer Kinder ist.

Kapstadt ist Sitz des südafrikanischen Parlaments und Hauptstadt der Provinz Westkap, hier gründete Stefan Hippler seine Stiftung HOPE Cape Town. Mittlerweile ist HOPE Cape Town auch in den USA vertreten. Der Arbeitsplatz von Pfarrer Hippler in Kapstadt ist das Township Blikkiesdorp in der Nähe des Flughafens, welches zum Township Delft gehört. 20.000 Menschen aus 30 Nationen leben dort in engen Wellblechhütten mit bis zu 15 Personen zusammen. Das Township ist bekannt für seine menschenunwürdigen Lebensumstände, Kriminalität, Drogenhandel und illegaler Waffenbesitz sind an der Tagesordnung.

Seit 2001 hilft die HOPE-Stiftung in den Townships von Kapstadt. Seither ist Pfarrer Hippler bis zu 125 Tage im Jahr in der ganzen Welt unterwegs und nutzt seine Kontakte, um Geld und Unterstützung für die Stiftung zu sammeln.

Mit seinen Mitarbeitern besucht er Familien und deren Kinder im Township. Im Laufe der Jahre hatte er im Containerdorf Blikkiesdorp einen Gemeindegarten, eine Suppenküche, eine Notfallhilfe und eine Gesundheitsfürsorge eingerichtet. HOPE stellt Räumlichkeiten bereit, ermöglicht die Teilnahme an Foren der Zivilgesellschaft, bietet soziale Unterstützung und Fußball als Ausgleich an.

Aids- und Tuberkulosekranke in Südafrika bekommen Geld vom Staat. Fast jede Familie bräuchte deshalb einen Kranken der mithilft, ihr Überleben zu sichern. Die Hope-Stiftung sorgt für die soziale Unterstützung der Kinder und deren Familien. Sie betreibt medizinische Forschung und klinische Unterstützung. In ihrer täglichen Arbeit durchdringt sie das Bewusstsein der südafrikanischen Gesellschaft, engagiert sich für Vorbeugung und sorgt für Aus- und Weiterbildung von Menschen, die ohne HOPE keine lebenswerte Zukunft hätten.

 „Auch wenn Aids in den europäischen Medien nicht mehr so präsent ist, sollten wir die erneute Gefahr einer Pandemie in unserer globalisierten Welt nicht unterschätzen,“ unterstrich Stefan Hippler. AIDS und Tuberkulose treten oft zusammen auf und könnten nicht auf einzelne Regionen in der Welt begrenzt werden. Weil Viren wandlungsfähig und reisefreudig sind, gehörten Aufklärung, Aus- und Weiterbildung unbedingt zu den Zielen der HOPE-Stiftung. Auch wenn z.B. Ex-Fifa-Chef Sepp Blatter bei der Fußball WM 2010 wegschaute, Schulen schließen ließ und damit unzähligen Kindern die einzige Mahlzeit des Tages verwehrte, so hatten sich viele Persönlichkeiten für die HOPE-Stiftung bereits stark gemacht. Allen voran der frühere Staatspräsident Nelson Mandela, Angela Merkel, Joschka Fischer, Harry Belafonte u.v.m.

Ich bedanke mich bei Stefan Hippler für Einblicke in eine südafrikanische Lebenswelt, die für uns Europäer schwer vorstellbar bis beängstigend ist. Wie alle teilen dieselbe Erde. Geben wir es also auf, in einer globalisierten Welt die Augen vor Aids und den daraus entstehenden Problemen zu verschließen.

Porträt Pfarrer Hippler:

http://www.hinter-dem-horizont.net/themen/stefan_hippler.htm

Sponsorenclip:

Hope-Stiftung: https://www.hopecapetown.com

Willkommen in B-Schissen!

Willkommen in B-Schissen!

Vorsicht vor kleinen Machthabern und Schmeichlern, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen.

In der Schule war es der kleine, rothaarige Herr L., der als Mathelehrer die Macht hatte, sich auch als Sportlehrer zur gefürchtesten Person des Lehrerkollegiums zu machen. Drückte er einem in Mathe mit einem süffisanten Lächeln eine 4 Minus rein, so konnte er, besonders uns Mädels in der Achten, auch noch bei den Bundesjugendspielen das Fürchten lehren. Er starrte uns grundsätzlich auf dem Sportplatz auf die Brüste und kommentierte, was er sah, mit sexistischen Sprüchen. Zu dumm, entweder waren wir Mädchen noch zu gut erzogen oder wir waren uns einfach nicht unserer Überlegenheit bewusst, diesen kleinen rothaarigen Gnom auflaufen zu lassen. Er hatte es immer mit unseren Brüsten, die sich an diesen kühlen Morgen beim Sportunterricht unter den dünnen T-Shirts abzeichneten. Wir schämten uns, fühlten uns wie der letzte Dreck oder fühlen uns einfach hässlich und peinlich. Es dauerte lange bis sich daran etwas änderte. Den nächsten kleinen, rothaarigen Unterdrücker hatte ich viel später als Vorgesetzten in einer Werbeagentur. Berhard G. Ich war jetzt erwachsen und wollte zu den Kreativen gehören. Bernhard G. war die Hürde, die es zu nehmen galt. Zum Glück hatte er narzistische Züge und ein explosives Gemüt, sodass er mir zwar an die Schulter fasste, es jedoch nie weiter kam. Sein aufbrausendes Gemüt war es, mit dem er sich schließlich selbst aus der Firma und mir aus dem Weg räumte. Die Bahn war frei für meinen ersten Alleingang, einen Werbefilmdreh. Seither ist viel Zeit vergangen, ich bin selbstständig und glaubte schon, dass sich b-schissen fühlen der Vergangenheit angehören würde. Schließlich hatte ich die freie Wahl mit wem ich arbeiten wollte. Das ich diesen Glauben nicht lebte, wusste ich, als ich hinunter in seine Knopfaugen blickte. Pedro S. das PataNegra-Schwein. Start-up in Zwergengestalt. Ein stolzer Stöpsel vom äußersten Rand der Iberischen Halbinsel. Potentieller neuer Kunde. Ich hatte gerade Kapazität und scheinbar Lust auf einen Blick in den Abgrund. Ich nahm also die Aufgabe an, bereute es aber sogleich als ich folgenden Satz hörte: „Ich gebe Ihnen gerne den Schinken. Aber später, Frau Blaa — ähm – gert, hole ich mir immer das Schwein“. Schwein stand dann wohl auch in meinen Augen als ich ihn das sagen hörte. Abscheu stand mir im Gesicht, Ekel krümmte meinen Magen, doch der Kopf meldete „Du brauchst den Kunden!“ „Wirklich so sehr?“, sollte ich mich fragen.
Zum Glück finde ich mich selten an dem Ort angekommen, den man getrost B-Schissen nennen darf. Doch es kommt vor und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sich diese Ausflüge nach B-Schissen wieder häufen. Da ruft mich ein bekannter Agenturbesitzer an, um mich für eine Webseite anzuheuern, die maximal soviel Kosten darf, wie ein Spesenessen, das er sich mit seinen Geschäftsfreunden gönnt. Immer geschickt Schuldgefühle bei mir erzeugend, welches unternehmerische Risiko er tragen würde im Gegensatz zu mir. Wieso trage ich eigentlich kein Risiko? Ich bin schließlich Soloistin. Und (die fetteste Lüge ever!): nach diesem Job würden ja noch soviele Webseiten folgen, dass sich das für mich rechnen würde. Oder: man vertut einen kompletten, heißen Sommertag damit, dem Boss eines familiengeführten Unternehmens am Rhein zu lauschen, wie toll er ist. Nun sollte ich auf seine gekritzelten Notizen hin erraten, wie er sich seinen Webauftritt vorstellte. Die Gesichter seiner Mitarbeiter bei der Werksbesichtigung riefen mir stumm zu „Lauf!“ Am Ende war der Webtext sein Werk und der Slogan, den er für seine Firma erwählte hat sein Eigentum, für das er nur Kleingeld übrig hatte. Mein Vorschlag wurde, in abgewandelter Form, sein Motto für unsere Zusammenarbeit: „Ich biege alles für mich hin.“

So süß und verführerisch Rachegelüste auch sind, sich machen sich nicht bezahlt. Und sie zahlen auch keine offenen Rechnungen. Stattdessen zehren sie die restliche positive Energie mit negativen Gefühlen auf und hinterlassen ein Gefühl der Machtlosigkeit. Um nicht länger Machtpolitik betreiben zu müssen, hatte ich mich letztendlich selbstständig gemacht. Heute sage ich mir: „Vergib ihnen, bleib Herrin der Lage und rege Dich nicht auf.“ Es gibt immer etwas zu retten, auch wenn es nicht die uneinbringlichen Außenstände sind.
Manchmal reichen schon ein paar Zeilen aus, adressiert an die Person, die mich nach B-Schissen geschickt hat: „Vielen Dank. Habe versucht, meine Unkosten abzurechnen und dabei ist mir klar geworden, dass es Ihnen schwer fallen wird, sich an unsere Vereinbarung zu halten. Werde bei unserem nächsten Treffen, zusammen mit ihren anderen Zulieferern versuchen, eine Benefizveranstaltung für Sie zu organisieren.“
Ideen für elegante Rachemomente hätte ich genug, schließlich lebe ich von meiner Kreativität. Schon das lindert meinen Ärger. Mir reicht es, das sich weiß, ich könnte wenn ich nur wollte.

Foto: M. Blackert

Wem nützen Werte, wenn Wirtschaft und Politik ihre eigenen definieren?

Wem nützen Werte, wenn Wirtschaft und Politik ihre eigenen definieren?

Einen ganzen Tag lang kluge Beiträge, bemerkenswerte Biographien erfolgreicher Unternehmer und ein Künstler, der dem besorgniserregenden ökologischen Wandel ein Stück Regenwald abzutrotzen weiß. Werte und Wirtschaft sind immer wieder gerne Kongressthema, Wegweisendes und Aufrüttelndes sind jedoch selten dabei.

„Dialog und Kompromisse sind kein Zeichen der Schwäche, sondern führen zum Erfolg.“ Was den Ökonom Adam Smith wiederlegen sollte, klang aus dem Mund des ersten Redners wie ein Hilferuf. Wie sollte man einen Werte und Wirtschaftskongress politisch korrekt eröffnen? Diesel-Skandal, Umsatzsteuerbetrug der Deutschen Bank mit CO2-Zertifikaten, lähmende, Reformen blockierende Kroko-Politik – von Werten in Wirtschaft und Politik sind wir weit entfernt.

Bevor die Frage erörtert wurde, ob es kleine und mittelständische Unternehmen besser können, hatte die Kirche das Wort. Eine Institution, die sich immer geringerer Beliebtheit erfreut, nicht zuletzt wegen ihrer dogmatischen Haltung gegenüber so ziemlich allen Problemen unserer Zeit. „Papst Franziskus sorgt sich“, berichtet der neue Bischof von Mainz, Dr. Peter Kohlgraf. Die Enzyklika Laudato si‘ des Papstes, eine erstmalige Stellungnahme, in der die katholische Kirche den Verlust der Artenvielfalt, die Ausbeutung der Ressourcen, Umweltverschmutzung und Wegwerfkultur anprangert, bringt ein wichtiges Fazit ans Licht: „Der moderne Mensch wird nicht zum richtigen Gebrauch der Macht erzogen.“ Aha! Hat es in der Geschichte der Menschheit je einen Führer gegeben, der sich langfristig mit dem richtigen Gebrauch der Macht auskannte? Jetzt, wo auch der oberste Hirte darauf hinweist, dass die Menschheit am eigenen Ast sägt, schwindet auch das letzte bißchen Glaube an Klimakonferenzen. „Erkennt eure Macht ihr Verbraucher, erzieht eure Kinder ökologisch und spirituell, wir sind eine Welt“, ist die Botschaft des Kirchenmannes. Nachgefragt, ob die katholische Kirche von ihrem Tabu, Empfängnisverhütung zu verdammen, abrücken würde?

Bloß um ihren Beitrag zu leisten, den Klimawandel durch Überbevölkerung einzubremsen. Bloß nicht! Lieber setze man auf Bildung, statt Kondome zu verteilen. „Der Afrikaner bricht nicht so leicht mit seinen Traditionen“, so der Bischof entschuldigend. Der Europäer auch nicht.

Claus Wisser, Gründer des Reinigungs- und Dienstleistungskonzerns WISAG, kommt aus einer Zeit, in der Werte und Wirtschaft noch im Gleichgewicht waren. Demut und Dankbarkeit begleiteten ihn sein ganzes Leben und statt zu studieren, erkannte er eine Marktlücke, verschaffte sich Gehör, überzeugte und putzte sich nach ganz oben. Die Geschicke des Unternehmens führt heute sein Sohn. Für die Zuhörer im Saal, die für die klassische Nachkriegskarriere zu spät geboren wurden, hat der Gründer der WISAG trotzdem eine Botschaft: „Behandle andere so, wie du gern behandelt würdest!“ Als Mitglied in der Evangelischen Kirche und lebenslanger SPD Wähler muss sich Wisser mit diesem Glaubenssatz heute ganz schön einsam fühlen. Gerade hat ihm „seine Partei“ mit dem Rücktritt von Andrea Nahles vorgemacht, dass solche Glaubenssätze heute nicht mehr zeitgemäß sind. Bleibt ihm noch der Humor in diesem „Game of Clowns“

Das es mit unseren analogen Kompetenzen schlecht bestellt ist, hatte den 160 Zuhörern der Arzt, Berater und Autor Dr. Walter Kromm klar vorgemacht. „Gehört, gelacht, gelocht, geheftet“ war die Reaktion der Leute im Saal auf die Forderung, durch Platzwechsel einmal die Perspektive zu verändern. Die waren gekommen um etwas über Werte und Wirtschaft zu hören – die tatsächliche Bereitschaft, auch nur sich selbst von einem Platz im Saal zu einem anderen zu bewegen war gleich null. Weniger schematisch, mit mehr Empathie und Begeisterung arbeitende Angestellte sind die Herausforderung an die neuen Führungskräfte. Und woher sollen die sich bitte ein Vorbild nehmen? Bleibt zu wünschen, dass Kromm noch im Nachgang viele Kurse im „Miteinander-Management“ verkaufen konnte.

Immer wieder ein gern gesehener Gast war Hubertus Spieler, der systemische Personal- und Organisationsentwickler bringt Menschen dazu in Klausur zu gehen. Kämpfen oder fliehen, Burnout oder Boreout – auf den gesunden Ausgleich kommt es im Arbeitsleben an. Innehalten, zur Ruhe kommen und schweigen, die einen müssen dafür ins Kloster, mir reicht ein regelmäßiger Saunaaufguss.

Einen größeren Kontrast als im Forum 2 gab es auf der gesamten Veranstaltung nicht. Erfolgreicher Unternehmer, der u.a. künstlerische Visionen realisiert, gefolgt vom, zur Zeit brotlosem, Künstler mit Klimaschutzauftrag. Was in diesem Kontext wie die Kunst des Scheiterns daherkommt, macht gerade den Sinn und den Auftrag eines solchen Kongresses aus. Beurteilen wir den Menschen nach seiner Leistung für die Wirtschaft oder nach seinen Werten? Uwe Arnold, Vorstandsvorsitzender der Arnold AG Entscheidung schafft es, Metall zum Erlebnis zu machen, für Industrie, Baubranche und Kunstwelt. Sein Know-how ist weltweit gefragt. Das Know-why steht für die Firma weniger im Fokus. Zum Beispiel wenn der hessische Metallunternehmer höchst „metalligent“ die überdimensionale traditionelle Eisenmaske nachbaut, welche die Saudi-arabische Prinzenmutter in der Öffentlichkeit tragen muss. Wertfrei natürlich und zuverlässig bereitgestellt “Made in Germany“. Entwaffnende Professionalität.

Die Freiheit des Künstlers führt selten zu materiellem Wohlstand. Das kommt klar rüber, wenn man Hendrik Docken, den man in Oberursel und in der Kunstszene als „Hendoc“ kennt, so zuhört. Seine Adlerin, eine Holzskulptur, steht neben ihm und wird nach dem Vortrag stärker ins Visier genommen als sein Projekt „Never ever for sale“, mit dem er den Regenwald in Costa Rica schützen möchte. „Was für eine schöne Skulptur, die können Sie mir doch eigentlich schenken“, scherzt die gut situierte Unternehmergattin aus Oberursel. Der Spruch verrät ihre Geisteshaltung mehr als ihr lieb sein sollte. „Geiz ist geil“ – ganz viel haben und ganz wenig dafür bezahlen wollen. Hendoc hat es auf den Punkt gebracht und es im Saal den Einzelhändlern an den Kopf geworfen. Mit ihrer Geiz-ist-geil-Mentalität haben sie wesentlich zum Sterben der Oberurseler Geschäftevielfalt beigetragen. Freiheit ist auch Meinungsfreiheit. Leider haben wenige Zuhörer davon Gebrauch gemacht. „Freiheit muss man aushalten können“, heißt es nicht umsonst auf dem Schild an Hendocs Haustüre.

Eine wichtige Frage nach dem Sinn seines Strebens nach ewigem bergauf in der Region musste sich Eric Menges, Geschäftsführer der FrankfurtRheinMain GmbH, gefallen lassen. „Warum wollen Sie noch mehr Menschen mit all ihren Bedürfnissen hier in die Region locken? Um denen, die hier sind den Lebensraum zu verderben?“ Gute Frage – RheinMainTaunus braucht kein Wachstum befand der Mann und appellierte an den Verstand, für ein „komplettes Ökosystem an Firmen“ nicht die bestehende Lebensqualität einzuschränken.

Last but not least kamen bei der abschließenden Podiumsdiskussion doch ein paar Visionen auf die Bühne. Applaus für Dr. Daniel Röder, der für eine Umdefinition der sozialen Marktwirtschaft weg von der Ressourcenvernichtung durch Wachstum plädierte. Bernd Neuner gab den Denkanstoß „Gemeinwohlökonomie ersetzt Profitökonomie“, der leider eher vom Mittelstand als von großen Konzernen angenommen werde. Visionen für die Zeiten des Post-Kapitalismus gab es leider keine. Vielleicht hätte man dazu jüngere Referenten einladen müssen oder mehr gestaltungswillige Jungunternehmer im Publikum haben müssen. Gut, dass wieder einmal über den Status quo der Werte- und Wirtschaftslage geredet wurde. Jetzt sind machbare Visionen und tatkräftiges Handeln gefragt. Sonst ist es so, als würde man zwar den Lokführer austauschen dann aber trotzdem mit Volldampf auf das Abstellgleis zurasen.

Damit durchkommen – Gegenhalten ist Eltern- und Bürgerpflicht

Damit durchkommen – Gegenhalten ist Eltern- und Bürgerpflicht

Wenn mal wieder so ein Raser mit 160 km/h durch die Innenstadt gebrettert ist und ihm dabei ein Radfahrer oder Fußgänger im Weg war, so war das bisher Pech für den anderen Verkehrsteilnehmer. „Wie kommt der nur damit durch?“, fragt man sich. Wie kommt der VW-Vorstand damit durch, gelogen, getäuscht, weggeschaut und den Konzern vor die Wand gefahren zu haben? Wie kommt der pöbelnde Schläger damit durch, die Frau doch nur geschubst haben zu wollen?
Ich weiß es, ich sehe es tagtäglich selbst wieviel Mühe es kostet gegen zu halten. Stopp zu sagen, Nein zu sagen und sich dagegen zu stemmen. Jeder versucht es schon im jungen Leben, damit durchzukommen, mit dem Mogeln bei der Klassenarbeit, der Beule in Mutters Auto, mit der liegen gelassenen Schultasche an der Bushalte, weil sie halt nicht mehr „in“ ist. Die Liste der kleinen „Sünden“ ist schier endlos. Aus diesen vielen Kleinigkeiten, diesen Siegen gegen die Regeln, wird irgendwann ein Selbstverständnis, alles tun zu können ohne die Konsequenzen dafür zu tragen. Es erwächst ein Stolz auf diese Errungenschaft, der nur allzu gerne auf die eigene Person, die Herkunft und die Gruppenzugehörigkeit bezogen wird. In Zeiten fehlender Ideale und Werte muss eben das eigene schlechte Benehmen als Grundlage für Selbstfindung herhalten. Es ist aber nicht nur eine Armee von marodierenden Zombies, die von überforderten Eltern auf die Welt und vor allem auf die Arbeitswelt losgelassen werden. Viele von denen, die schon auf dem Schulhof die Pöbler waren sind jetzt auch noch in die höchsten Ämter gewählt worden. „Wie konnte das passieren?“, fragen sich diejenigen die anders abgestimmt haben.
In facebook abzustimmen hat den Brexit erst möglich gemacht. Aufwachen, das reale Leben findet außerhalb des Bildschirms statt. Da muss man aufstehen, das Fenster öffnen, die Stiefel anziehen und auf die Straße gehen, zur Wahl gehen statt auf die facebook-Seite und sich dagegen stemmen. Dranbleiben, noch ist nicht alles verloren. Sagen Sie einfach NEIN, wenn sich der junge Kerl mit der Tolle das nächste Mal an der Kasse an Ihnen vorbeidrücken will. Seinen Sie unbequem, fragen Sie nach – und: sagen Sie nie wieder es hat geschmeckt wenn es das nicht hat. Mir schmeckts schon lange nicht mehr und deshalb lass ich den Scheißfraß stehen, damit die Zweckoptimisten ihn zurück in Teufels Küche tragen wo er hergekommen ist.

Foto: Martin Joppich

Rasen betreten verboten

Rasen betreten verboten

Warum wurde der Reichstag damals nicht einfach gestürmt und die Nazis rausgeschmissen? Weil auf der Grünfläche davor ein Schild stand mit der Aufschrift „Rasen betreten verboten“. Was hat das mit Greta Thunberg zu tun? Viel, denn was wir erreichen könnten, mit einem beherzten Schritt über vermeintliche Grenzen, wenn wir nur zusammen halten würden, hat sie uns vorgemacht.

Heute sind auf der ganzen Welt Fridays-for-future-Demos. Das erste Mal auch in Neuseeland. Welcome Kiwis! Das tun besser als reden ist, hat das Waffenverbot gezeigt, welches Premierministerin Jacinda Ardern mit sofortiger Wirkung in Kraft gesetzt hat, nachdem der australische Attentäter in Christchurch 51 Menschen ermordete. Fällt was auf? Es waren in beiden Fällen Mädchen / Frauen, die Tatsachen geschaffen haben. Frauen haben in beiden Fällen bewiesen, dass sie im Tun besser sind als im Posen. „Schaut auf das Tun, nicht auf ihre Worte!“, möchte man so kurz vor der Wahl ganz Europa, ja, der ganzen Welt zurufen. Die Politiker jedoch scheinen gelähmt.

Der Youtuber Rezo hält eine einstündige Ansprache zur Vernichtung der CDU – 5 Millionen schauen zu. Die CDU schaut weg, hört weg und will, auf Druck der Medien nun doch reagieren. Das mit dem gegen-Video haben sie mal lieber gelassen.

In Österreich posen rechtspopulistische FPÖler vor attraktiven, finanzkräftigen, vermeintlichen Oligarchentöchtern und versuchen diese dafür zu gewinnen, die auflagenstärkste österreichische Boulevardzeitung, die Kronenzeitung, zu kaufen. „Was können wir alles erreichen, wenn wir nur die Medien stumm schalten und die Zeitungen kaufen,“ schwärmt Strache in froher Erwartung auf russische Millionenunterstützung.

Alle diese Anekdoten – so kurz vor der Wahl– zeigen, wie tief die Werte, nicht nur in Europa, in der Krise stecken, unpopulär geworden sind. Schweigen und Nichtstun stärkt die Populisten. Tun stärkt den Gemeinsinn. Schande auf die Häupter derer, die Greta Thunberg für‘ s Schuleschwänzen kritisieren, während sie selbst in ihrer Verantwortungslosigkeit die rote Linie längst überschritten haben.

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